Was sind Sol-Gel-Verfahren?
Sol-Gel-Verfahren sind
nasschemische Verfahren zur Herstellung keramischer oder keramisch-organischer
Werkstoffe. Diese Verfahren sind Gegenstand aktueller Grundlagenforschung als
auch der angewandten Forschung und werden zur Herstellung keramischer
Bulkmaterialien; keramischer Nanopulver und Fasern sowie zur Abscheidung
homogener, nanokristalliner, oxidkeramischer oder auch keramisch-organischer
Beschichtungen benutzt.
Die Besonderheit bei Sol-Gel-Verfahren
besteht darin, dass die Herstellung bzw. Abscheidung der Werkstoffe jeweils von
einem flüssigen Sol-Zustand ausgeht, der durch eine Sol-Gel-Transformation in
einen festen Gel-Zustand überführt wird. Als Sole werden Dispersionen fester Partikel
im Größenbereich zwischen 1 nm bis 100 nm bezeichnet, die sich feinst
verteilt (dispergiert) in Wasser oder organischen Lösungsmitteln befinden.
Sol-Gel-Verfahren gehen allgemein von Solsystemen auf der Basis
metallorganischer Polymere aus. Der Übergang vom flüssigen Sol zum keramischen
Werkstoff erfolgt jeweils über einen Gelzustand. Während der
Sol-Gel-Transformation kommt es zu einer 3-dimensionalen Vernetzung der
Nanopartikel im Lösungsmittel, wodurch das Gel Festkörpereigenschaften erhält.
Die Überführung des Gels in einen oxidkeramischen Werkstoff erfolgt durch eine
kontrollierte Wärmebehandlung unter Luft.
Abscheidung und Keramisierung oxidkeramischer Sol-Gel-Schichten
Die Sol-Gel-Abscheidung erfolgt durch Dip- oder Spin-Coating. Der zunächst flüssige
Sol-Film transformiert sich nach kurzer Trocknung in einen festen Gel-Film, der
dann einer Wärmebehandlung unter sauerstoffhaltiger Atmosphäre (Luft)
unterzogen wird. Bis ca. 400°C zersetzen sich die organischen Bestandteile der
metallorganischen Polymere und entweichen in Form von CO2 und
Wasser. Der zurückbleibende amorphe und nanoporöse Metalloxid-Film beginnt für
Temperaturen über 500°C zu sintern. Gleichzeitig finden Keimbildung und
Kristallwachstum statt, so dass aus dem amorphen und porösen Gel-Film ein
(nano)kristalliner, dichter, oxidkeramischer Film entsteht. Die chemische
Solzusammensetzung, die Schichtabscheidungsbedingungen sowie die
Wärmebehandlungsparameter (Aufheizgeschwindigkeit, Temperatur, Haltedauer)
haben einen erheblichen Einfluss auf die Schichteigenschaften.
Schichtabscheidung durch Dip- und Spin-Coating
Für die Beschichtung
rotationssymmetrischer Substrate - beispielsweise Formwerkzeuge für optische
Linsen – eignet sich besonders das Spin-Coating-Verfahren. Das Sol, das sich in
einer Bürette über der Probe befindet, triff auf die schnell rotierende
Scheibenprobe und verteilt sich aufgrund von Fliehkräfte gleichmäßig auf der
Probenoberfläche. Dieses Beschichtungsverfahren führt zu einer sehr homogenen
Schichtdickenverteilung. Für das Spin-Coating steht eine Spin-Coating-Apparatur
P-6708D der Firma Speedline Technologies zur Verfügung. Die Rotationsfrequenz kann
zwischen 100 und 8000 Umdrehungen pro Minute eingestellt werden.

Das Dip-Coating-Verfahren wird für
die Beschichtung translationssymmetrischer Substrate eingesetzt. Dabei wird das
zu beschichtende Substrat in das Sol getaucht und mit konstanter
Geschwindigkeit wieder herausgezogen, so dass ein flüssiger Sol-Film auf der
Substratoberfläche haften bleibt, der sich nach kurzer Trocknung in einen
festen Gel-Film umwandelt. Die verwendete Dip-Coating-Apparatur ist ein
Eigenbau und ermöglicht die Einstellung von Extraktionsgeschwindigkeiten,
zwischen 1 und 50 cm min-1.

Neben Spin- und Dip-Coater steht
eine Drahtbeschichtungsapparatur zur Verfügung , die im Rahmen einer
Diplomarbeit entwickelt und aufgebaut wurde. Der unbeschichtete Draht wird von
einer Haspel über eine Umlenkrolle durch einen vertikal stehenden Rohrofen geführt.
Nach einer Abkühlstrecke taucht der Draht in einen mit dem Beschichtungssol
gefüllten Behälter ein und wird in dem Solbehälter über eine weitere
Umlenkrolle wieder nach oben geführt. Beim Austritt aus dem Sol wandelt sich
der am Draht haftende flüssige Sol-Film innerhalb weniger Sekunden einen festen
Gel-Film um. Beim Durchlaufen des Rohrofens wird dieser Gel-Film eingebrannt
und keramisiert, so dass der fertig beschichtete Draht auf einer weiteren
Haspel aufgewickelt wird. Die
Drahtbeschichtungsapparatur wurde so konzipiert, dass damit auch
Mehrfachbeschichtungen automatisch durchgeführt werden können.

Solsynthese für oxidkeramische Schichten
Für die Solsynthese zur
Abscheidung oxidkeramische Schichten wird allgemein von Metallalkoholaten der
Form M(OR)n ausgegangen, wobei M für ein 4-wertiges Metall, wie
Silizium, Titan oder Zirkon bzw. ein 3-wertiges Metall, wie Aluminium, Yttrium
oder Bor, steht. Das entsprechende Metall ist dabei über Sauerstoff an
Alkylgruppen, wie Ethyl: -C2H5; Propyl: -n(i)C3H7
oder Butyl: -n(s,t)C4H9 gebunden. Bei der
Hydrolyse werden durch die Reaktion mit Wasser Alkoholatgruppen, -OR, unter
Abspaltung von Alkohol durch OH-Gruppen ersetzt. Diese führen dann über
Kondensationsreaktionen zur Verkettung der Monomere, so dass mehr oder weniger
verzweigte Alkoholatpolymere entstehen.


Durch partielle Substitution der
Alkoholatgruppen mit modifizierenden organischen Gruppen lässt sich der Ablauf
der Hydrolyse- und Polykondensationsreaktionen beeinflussen. Häufig werden
hierfür Carbonsäuren, wie die Essigsäure oder ß-Diketone, wie das Acetylaceton
verwendet.
Durch Hydrolyse und
Polykondensation entstehen Dispersionen metallorganischer Polymere in
organischen Lösungsmitteln, die als Sole bezeichnet werden und mit denen dünne
oxidkeramische Schichten, wie SiO2, ZrO2, TiO2,
Al2O3 oder ähnliche abgeschieden werden können.
Eigenschaften von Sol-Gel-ZrO2-Beschichtungen
Ein Schwerpunkt der bisherigen
Sol-Gel-Schichtentwicklung und Charakterisierung waren Sol-Gel-ZrO2-Beschichtungen.
ZrO2-Keramik zeichnet sich durch eine Reihe interessanter
mechanischer, thermischer und chemischer Eigenschaften aus, die es für viele
technische Anwendungen geeignet erscheinen lassen. Es hat eine hohe Härte
zwischen 1100 HV und 1400 HV und eine außergewöhnlich hohe chemische
Beständigkeit gegen aggressive Säuren und Laugen und gehört bis auf wenige
Ausnahmen zu den alkalienbeständigsten Oxidkeramiken überhaupt. Darüber hinaus
hat ZrO2–Keramik eine sehr hohe thermische Beständigkeit und ist
somit für viele Hochtemperaturanwendungen geeignet. CaO-stabilisiertes ZrO2
kann bis 2200°C unter oxidierenden und bis 1800°C unter reduzierenden
Atmosphären dauerhaft eingesetzt werden. Reines ZrO2 zeigt eine
hervorragende chemische und thermische Beständigkeit gegen viele
Metallschmelzen, wie Chrom (TS= 1875°C), Mangan (TS=
1245°C) Eisen (TS= 1536°C) und Nickel (TS= 1453°C) sowie
gegen Glasschmelzen. Der thermische Ausdehnungskoeffizient ist mit (11 – 13)
×10-6 K-1 für keramische Werkstoffe relativ hoch und
passt gut zu vielen metallischen Werkstoffen insbesondere Cr- und CrNi-Stählen,
wie sie im Formenbau verwendet werden.
Tabelle mit einigen wichtigen Eigenschaften von ZrO2-Keramik
Einschränkungen bei der Sol-Gel-Schichtabscheidung
Bei der Sol-Gel-Abscheidung oxidkeramischer
Schichten ist die rissfrei abscheidbare Schichtdicke allgemein auf einige
hundert Nanometer beschränkt. Wie dem Bild unten zu entnehmen, nehmen Schichtmassenbelegung
und damit die Schichtdicke mit zunehmender Tauchgeschwindigkeit zu. Beim Überschreiten
einer kritischen Schichtdicke treten jeweils Risse auf. Für oxidkeramische
Sol-Gel-Schichten liegen die kritischen Schichtdicken im Bereich von 400 nm
bis 500 nm.

Die Ursache für die Rissentstehung sind
Zugeigenspannungen, die beim Austreiben des Lösungsmittels und der damit
verbundenen Kontraktion der Gel-Filme entstehen. Dabei führt die zunehmende
Vernetzung der Polymere zu einer Reduktion der Gel-Duktilität und damit nimmt
die Fähigkeit ab, Zugeigenspannungen durch Relaxationsvorgänge abzubauen.
Überscheiten die Zugeigenspannungen einen kritischen Wert, so kommt es zu
Rissbildung. Unterhalb einer kritischen Schichtdicke treten allgemein keine
Risse auf, was darauf zurückzuführen ist, dass hier die gespeicherte elastische
Energie nicht ausreicht, um Risswachstum zu ermöglichen. Dickere oxidkeramische
Sol-Gel-Schichten können durch Multilayer-Beschichtung hergestellt werden,
wobei der komplette Beschichtungsvorgang mehrfach wiederholt wird und für jede
Schichtlage eine vollständige Wärmebehandlung bei Temperaturen über 400°C
erforderlich ist, um jeweils die organischen Bestandteile auszutreiben. Damit
ist die Herstellung von Sol-Gel-Multilayer-Schichten mit Schichtdicken über
2 μm sehr aufwändig. Allgemein kommt es bei solchen Multilayer-Systemen
auch zu einer Fehlerakkumulation der einzelnen Schichtlagen, so dass
Schichtsysteme mit mehr als fünf Schichtlagen allgemein nicht mehr vollständig
defektfrei sind.
Deutliche Fortschritte bezüglich der Rissbildung
konnten in den letzten Jahren durch die Verwendung geeigneter organischer
Sol-Additive erreicht werden. Diese Additive werden aufgrund ihrer
Polymerstruktur erst bei höheren Temperaturen aus dem Gel-Film ausgetrieben und
sorgen so für eine größere Duktilität während der ersten Phase der
Wärmebehandlung. Auf diese Weise können die Zugeigenspannungen durch
Relaxationsvorgänge im Gel besser abgebaut und Rissbildung verhindert werden.
Eine weitere Möglichkeit die
maximal rissfrei abscheidbare Schichtdicke deutlich zu erhöhen, besteht darin,
einen Teil der Alkoholate durch organisch modifizierte Silane,
kurz ORMOSILe, zu ersetzen, um so die Gel-Duktilität und damit die Relaxation
von Eigenspannungen zu erhöhen. Aus diesem Grund erscheinen neben den rein
oxidkeramischen auch organische-anorganische Hybridwerkstoffe mit geringen
organischen Anteilen interessant, da sich deutlich dickere und duktilere
Schichten abscheiden lassen als für die rein oxidkeramischen Sol-Gel-Schichten.
Mehr zu diesem Thema finden Sie hier: Organisch-anorganische Hybrid-Schichten
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Was sind Sol-Gel-Verfahren?
Hier finden Sie allgemeine Informationen über Sol-Gel-Verfahren und der Sol-Gel-Schichtabscheidung.
Sol-Synthese, Abscheidung, Wärmebehandlung und Eigenschaften oxidkeramischer Sol-Gel-Schichten.
Anwendungen für keramische Sol-Gel-Schichten
Hier finden Sie eine Auswahl von bereits umgesetzten technischen Anwendungen für keramische Sol-Gel-Schichten.
- Korrosionsschutz gegen Metallschmelzen
- Korrosionsschutz gegen Chlorangriff auf Beryllium
- Beschichtung von Quecksilberdampflampen
- Diffusionssperrschichten für das Aufkohlen
- Gassensitive Sol-Gel-Schichten
- Photokatalytisch aktive Beschichtungen
Organisch-anorganische Hybrid-Schichten
Hier finden Sie allgemeine Informationen zu Sol-Gel-Abscheidung organisch-anorganischer Hybridwerkstoffe:
Sol-Synthese, Abscheidung, Wärmebehandlung und Eigenschaften
organisch-anorganischen Hybridbeschichtungen
Veröffentlichungen zu Sol-Gel-Themen
Hier finden Sie eine aktuelle Liste unserer Veröffentlichungen zum Thema Sol-Gel-Verfahren.
Sie haben Interesse an oxidkeramischen sowie organisch-anorganischen Sol-Gel-Hybrid-Schichten?
Sie haben ein technisches Problem im Bereich Korrosions-/Verschleißschutz oder für den Dekobereich?
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