Technische Anwendungen für Sol-Gel-Beschichtungen
In den letzten Jahren wurden am IWT viele technische Anwendungen für
oxidkeramische Sol-Gel-Beschichtungen gefunden. Teilweise konnten diese
technischen Entwicklungen direkt in Produkte umgesetzt werden.
Korrosionsschutz gegen den Angriff von Zinn-Blei-Metallschmelzen (Lötstraße)
Eine
interessante Anwendung für Sol-Gel-Beschichtungen wurde am Beispiel industrieller
Lötstraßen gefunden. Hier werden Leiterplatten im industriellen Maßstab
verlötet. Das schmelzflüssige 400°C bis 450°C heiße Lot (Zinn-Blei-Schmelze)
wird durch spezielle Pumpen durch die Lötstraße befördert. Gehäuse und
Flügelräder dieser Pumpen sind aus rostfreiem Stahl (X4CrNi18-10) gefertigt.
Insbesondere die Flügelräder sind durch den Kontakt mit der Metallschmelze
starker Korrosion ausgesetzt. Bereits nach sechs Wochen zeigen unbeschichtete
Flügelräder starke Korrosionserscheinungen, was zu einer deutlichen Abnahme der
Pumpleistung führt. Für die notwendige Wartung der Lötpumpen musste die
komplette Lötstraßen jeweils nach ca. 6 Wochen stillgelegt werden, was mit
erheblichen Kosten verbunden ist. Durch Sol-Gel-Beschichtung der Flügelräder
konnte der Korrosionsangriff signifikant reduziert werden. Sol-Gel-beschichtete
Flügelräder zeigen auch nach 12 Wochen im Einsatz noch keine Korrosion. Die
genauere Untersuchung ergab, dass durch die dünne oxidkeramische
Sol-Gel-Schicht die Benetzung zwischen der Stahloberfläche und dem Lot stark
reduziert ist und so ein direkter Kontakt zwischen der Metallschmelze und der
Stahloberfläche verhindert wird.
Sol-Gel-Beschichtung von Beryllium-Röntgenfenstern
Die industrielle Prüfung kunststoffummantelter Bauteile
und Drähte erfolgt durch Röntgenstrahlen. Mit sogenannten Röntgenscannern
können Drahtdicke und Beschichtungsdicke zerstörungsfrei bestimmt werden. In
den Röntgenröhren dieser Anlangen befinden sich Berylliumfenster, da Beryllium
eine sehr gute Durchlässigkeit für Röntgenstrahlung besitzt.
Bei der
Röntgenprüfung PVC-ummantelter Drähte wird aufgrund der Röntgenstrahlung Chlor
aus der Kunststoffummantelung der beschichteten Drähte freigesetzt, was das
Beryllium stark angreift. Unbeschichtete Berylliumfenster müssen deshalb
bereits nach wenigen Monaten ausgetauscht werden. Durch die Entwicklung einer
geeigneten Sol-Gel-Beschichtung konnte der Korrosionsangriff auf das Beryllium
sehr effektiv reduziert werden. Heute werden alle Berylliumfenster dieses Herstellers
im IWT Sol-Gel-beschichtet.
Erhöhung der Lebensdauer von Quecksilber-Dampflampen
UVC-Strahlung hat bei 254 nm eine intensive
bakterizide Wirkung. Mikroorganismen wie Viren, Bakterien, Hefen und Pilze
werden durch UV-Strahlung wirksam abgetötet. Eine Zugabe von keimtötenden
Chemikalien ist nicht erforderlich. Die Transmission der Quarzrohre
herkömmlicher UVC-Lampen und damit auch deren UVC-Leistung gehen mit längerer
Betriebsdauer deutlich zurück. Die hierfür verantwortliche Verfärbung der
Lampenrohre wird durch eine chemische Reaktion der Quarzoberfläche mit dem
Quecksilber der Gasentladung ausgelöst. Diese Verfärbung führt zu einer
Reduktion der für eine gute Entkeimungswirkung der kurzwelligen Ultraviolett-Strahlung
bei 254 nm.
Zusammen mit einem namhaften
Hersteller von Quecksilber- und Amalgamdampflampen wurde eine spezielle
Sol-Gel-Beschichtung entwickelt, die den Angriff von Quecksilber auf die
Quarzglasoberfläche erfolgreich verhindert. Die Lebensdauer der Lampen konnte
auf diese Weise erheblich erhöht werden. Diese UV-Lampen werden hauptsächlich
für die Entkeimung von Trinkwasser eingesetzt.
Diffusionssperrschichten für das Niederdruckaufkohlen
Das Niederdruckgasaufkohlen wird
für die Randschichthärtung unterschiedlichster Bauteile wie Ventile, Lager,
Zahnräder und Wellen eingesetzt. Hierbei ist es häufig erforderlich, dass
bestimmte Teile eines Bauteils nicht aufgekohlt und damit auch nicht gehärtet
werden, beispielsweise um die Schweißbarkeit lokal zu erhalten. Bisher werden
für diesen Zweck spezielle Pasten eingesetzt, die vor dem Aufkohlen lokal auf
das Bauteil aufgebracht werden. Diese Pasten haben jedoch einige Nachteile.
Insbesondere können sie zu einer Kontamination der Aufkohlöfen und Abschreckmedien
führen.
Deshalb wurden
spezielle Sol-Gel-Diffusionssperrschichten für das Niederdruckgasaufkohlen
entwickelt. Diese Beschichtungen werden vor dem Aufkohlprozess partiell auf
Bauteile aufgebracht. Diese nur wenige μm dicken Sol-Gel-Beschichtungen können
sowohl auf fein als auch auf grob geschliffenen Oberflächen eingesetzt werden
und überstehen den Aufkohlungsprozess bei 960°C ohne wesentliche
Schichtschädigungen. Im Gegensatz zu den bisher eingesetzten
Diffusionssperrpasten ist eine Kontamination des Aufkohlofens mit
diffusionsbehindernden Rückständen ausgeschlossen. Außerdem ist nach dem
Aufkohlen keine aufwändige Reinigung bzw. Entschichtung der beschichteten
Bauteil erforderlich, da die Beschichtungen nur wenige μm dick sind.
Das Bild oben
zeigt einen metallografischen Schliff einer Sol-Gel-beschichteten Stahlprobe
nach dem Aufkohlen und Härten. Die hellen Bereiche entsprechen gehärtetem
martensitischen Gefüge, während die dunklen Bereiche nicht aufgekohlten
ferritischen Bereichen entsprechen. Die Oberseite der Probe ist fein
geschliffen, die Unterseite ist grob geschliffen. Auf beiden Seiten ist die
Diffusionssperrwirkung für den Kohlenstoff eindrucksvoll zu sehen. Auch der
GDOES-Kohlenstofftiefenverlauf zwischen beschichteten und unbeschichteten
Bereich bestätigt die Barrierenwirkung durch die aufgebrachte Sol-Gel-Schicht.
Hochtemperaturbeständige Drahtisolation
Die el.
Isolation dünner Kupferdrähte für el. Spulen erfolgt
heute durch organische Polymer-Lackbeschichtungen. Für den Einsatz bei erhöhter
Temperatur bis 250 °C werden Polyimid- und Polyamidlackbeschichtungen
eingesetzt. Für höhere Temperaturen kommen keramische Fasern zum Einsatz, mit
denen der Leiter umsponnen wird. Zwar kann damit eine Temperaturbeständigkeit
bis 1200 °C erreicht werden, doch die geringe mechanische Beanspruchbarkeit,
mangelnder Schutz des Leiters vor korrosiven Angriffen, große
Durchmesserzunahme durch die Isolierung, schlechte Verarbeitbarkeit sowie hoher
Kostenaufwand bei der Herstellung sind erhebliche Nachteile, die mit
organisch-anorganischen Sol-Gel-Beschichtungen überwunden werden sollen. Durch
Hyrid-Werkstoffe könnten die Lücke zwischen den keramischen und den organischen
Polymerwerkstoffen geschlossen werden. Über die el. Eigenschaften dieser
Werkstoffe ist derzeit nur wenig bekannt, außer, dass sie, wie die meisten
Oxidkeramiken und Polymerwerkstoffe, einen sehr hohen spez. el. Widerstand
aufweisen. Diese Hybridwerkstoffe, auf der Basis organisch modifizierter Silane
(Ormosile) zeigen Temperaturbeständigkeiten bis 400 °C und haben im Gegensatz
zu Oxidkeramiken eine höhere Duktilität, so dass sie besonders für die
Beschichtung dünner Drähte geeignet sind.
Die Beschichtung der Drähte
erfolgte mit der oben dargestellten vollautomatischen
Drahtbeschichtungsapparatur.
Das Bild oben zeigt
rasterelektronenmikroskopische Bilder eines Ni80Cr20-Drahtes mit einem
Durchmesser von 125μm nach der Sol-Gel-Al2O3-Beschichtung.
Links ist eine völlig intakte Al2O3-Beschichtung auf dem
Draht zu sehen. Das rechte Bild zeigt den selben Draht nach einer Dehnung von
ca. 50 %. Das Abplatzen der keramischen Al2O3-Schicht ist
deutlich zu erkennen. Bei geringen Dehnungen im Bereich von 2 % sind keine
Veränderungen in der Beschichtung beobachtbar, d.h. die Beschichtung mit
keramischen Sol-Gel-Schichten ist prinzipiell für eine temperaturbeständige
elektrische Isolation dünner Drähte geeignet. Dies zeigen auch die
durchgeführten Kurzschlusstests, bei denen zwei Drähte über Kreuz aufeinander
gepresst wurden und die Spannung bis zum Durchschlag erhöht wurde. Allerdings
machen die spröden Eigenschaften der keramischen Schicht einen zuverlässigen
Dauereinsatz problematisch. Außerdem sind oxidkeramische Schichten hydrophil,
so dass ein dauerhafter Korrosionsschutz für die beschichteten Drähte nicht
gewährleistet ist, da Wasser in feinste Risse und Poren eindringen kann.
Aufgrund dieser Defizite keramischer Schichten sollen hydrophobe
Hybridwerkstoffe ausreichender Duktilität entwickelt werden, die bei
Temperaturen von mindestens 300°C dauerhaft einsetzbar sind.
Gassensitive Sol-Gel-Schichten
Gassensoren
werden insbesondere für die Prozessregelung eingesetzt. Im Kfz-Bereich misst beispielsweise
die Lamda-Sonde die Abgaszusammensetzung, um eine optimale Regelung des
Verbrennungsprozess im Motor zu ermöglichen. Gassensoren werden aber auch für
die Prozessregelung im Bereich thermochemischer Randschichtbehandlungen
eingesetzt. Beispielsweise, dem Nitrieren, dem Nitrocarburieren und dem
Gasaufkohlen.
Am IWT wurde ein Gassensor auf der
Basis von Sol-Gel-TiO2-Beschichtungen entwickelt. Titanoxid ändert
seinen elektrischen Widerstand in Abhängigkeit der Temperatur und des
Sauerstoffpartialdruckes. Diese Eigenschaft kann dazu benutzt werden den
Sauerstoffgehalt in einer Gasatmosphäre zu bestimmen. Voraussetzung hierfür ist
jedoch, dass sich der Sensor auf einer definierten Temperatur befindet. Der
Aufbau des entwickelten Sensors zeigt das Bild oben. Auf einem
Aluminiumoxidträger befinden sich Platinelektroden in Form einer Kammstruktur
(Interdigitalelektrodenstruktur). Gleichzeitig befindet sich auf dem Träger
noch eine elektrische Heizung, damit der Sensor auf Betriebstemperatur gebracht
werden kann. Auf die Elektrodenstruktur wird eine Sol-Gel-TiO2-Beschichtung
abgeschieden. Über die Platinelektroden kann der Leitwert bzw. der elektrische
Widerstand gemessen werden. Rechts ist die Antwort bzw. der Leitwert eines
solchen Sol-Gel-TiO2-Sensors in einem Ammoniak-Luft-Gemisch bei
unterschiedlichen Durchflussraten von Luft dargestellt. Man sieht, dass der
Leitwert mit zunehmendem Sauerstoffgehalt abnimmt. Darunter ist das Signal
einer kommerziellen ZrO2-Sauerstoffsonde dargestellt.
Das Bild zeigt den Einbau eines solchen Sensors in einen
Nitrierofen.

Weiterhin wurde ein
lithografisches Verfahren zur Strukturierung von Sol-Gel-TiO2-Beschichtungen
auf Silizium-Wafern entwickelt um eine großtechnische Herstellung von
TiO2-Gassensoren zu ermöglichen. Das Ergebnis einer solchen strukturierten
Schicht auf einem Silizium-Wafer mit vergrabenen Interdigitalelektroden zeigt
das Bild oben.
Photochemisch aktive Sol-Gel-Beschichtungen
Im Lebensmittel- und Medizinbereich
sowie für die Reinigung von Abwasser werden photochemisch aktive TiO2-Beschichtungen
zur physikalischen Entkeimung von Oberflächen eingesetzt. Im Rahmen einer
Studienarbeit wurde ein sogenannter Rieselreaktor zur Abwasserreinigung
aufgebaut.
Der Rieselreaktor besteht aus
einem innen beschichteten Stahlrohr über dessen Innenseite ein Modellabwasser
rieselt. Die Wasserzufuhr erfolgt dabei über ein Überlaufbecken. Im Zentrum des
beschichteten Stahlrohres befindet sich eine Quecksilberdampflampe, durch die
der Rieselfilm UV-bestrahlt wird. Als Modelabwasser wurde eine wässrige Lösung
des organischen Farbstoffs Chicago Blau verwendet. Durch die UV-Strahlung wird
dieser Farbstoff zerstört, so dass sich das Absorptionsverhalten der Lösung mit
zunehmender Bestrahlungsdauer reduziert. Die Messung der Absorption des
Modellabwassers erfolgte mit einem Zweistrahl-Photometer, wobei jeweils die
Absorptionsdifferenz zwischen unbestrahltem Modellabwasser zu bestrahltem
Modellabwasser gemessen wurde. Es konnte gezeigt werden, dass der Abbau der
Farbstoffes bei einem Sol-Gel-TiO2-beschichteten Stahlzylinder
deutlich schneller erfolgt als bei einem inerten unbeschichteten
Plexiglaszylinder.
Die Ursache für den erhöhten Abbau
des Farbstoffes ist die photochemische aktivierte katalytische Wirkung von TiO2.
Durch Einstrahlung von ultraviolettem Licht entstehen Elektron-Lochpaare im TiO2
mit einer Energiedifferenz von 2,8 eV. Die Löcher entsprechen fehlenden
Elektronen im Kristallgitter. Sie haben ein sehr großes Oxidationspotential und
sind in der Lage auch chemisch stabile Moleküle bzw. Ionen zu oxidieren, so
dass aus OH- - Ionen im Elektrolyten hochreaktive OH* -Radikale
entstehen. Diese reaktiven Radikale sind wiederum in der Lage andere chemische
Substanzen zu oxidieren, indem sie Elektronen aufnehmen. Insbesondere können
sie organische Verbindungen zerstören.
Auch die keimtötendene Wirkung von
Sol-Gel-TiO2-Beschichtungen basiert auf diesem Effekt. Auf eine halb
Sol-Gel-TiO2-beschichteten Glasprobe wurde eine gleichmäßige
Keimdichte aufgebracht und anschließend 5 Minuten mit UV-Licht einer
Quecksilberdampflampe bestrahlt. Von dieser Glasproben wurde dann ein Abdruck
auf einem Nährboden gemacht und in einem Brutschrank angezüchtet. Die Versuche
bestätigen die photobiozide Wirkung deutlich.
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Was sind Sol-Gel-Verfahren?
Hier finden Sie allgemeine Informationen über Sol-Gel-Verfahren und der Sol-Gel-Schichtabscheidung.
Sol-Synthese, Abscheidung, Wärmebehandlung und Eigenschaften oxidkeramischer Sol-Gel-Schichten.
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Hier finden Sie eine Auswahl von bereits umgesetzten technischen Anwendungen für keramische Sol-Gel-Schichten.
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